Die Rabenmutter und ihr zweites Kind

Als ich mit meiner Großen schwanger wurde, wälzte ich unzählige Babybücher, recherchierte in diversen Online-Foren und besuchte verschiedene Kurse für Schwangere. Später wurde jeder einzelne Tag dokumentiert und jeder Entwicklungsschritt auf Foto oder Video festgehalten. Zusammen haben wir Bilderbücher angesehen, Lieder gesungen, getanzt. Es gab nur pädagogisch wertvolles Spielzeug und der Fernseher war verpönt. Dann kam meine Kleine …
Ein paar Babybücher habe ich in meiner zweiten Schwangerschaft trotzdem gelesen, aber deutlich weniger als bei meiner Großen. Fürs Internet und irgendwelche Kurse hatte ich kaum Zeit. Schließlich hatte die große Schwester Termine in der Tanzschule und im Hallenbad oder Playdates mit Freunden aus dem Kindergarten. Ihre Entwicklung wurde zwar auch mittels Kamera festgehalten, allerdings wurden die Fotos seltener entwickelt. Mein zweites Kind lief also irgendwie nebenbei mit.
Eigentlich hatte ich deshalb aber nie ein schlechtes Gewissen. Schließlich ist man beim zweiten Kind einfach routinierter und weiß aus Erfahrung was wichtig ist und wo man Kompromisse schließen kann. Außerdem bin ich überzeugt, dass es mindestens genauso viele Vorzüge hat, ältere Geschwister zu haben. Denn meine Kleine hatte immer jemanden zum Spielen und konnte sich von ihrer Schwester viel abschauen. Dadurch hat sie sich in einigen Dingen leichter als ihre gleichaltrigen Freunde getan.
Trotzdem blieb mir diese Woche kurz die Spucke weg. Meine Große brauchte neue Schuhe, also ging ich, während die Kinder in der Schule waren, einkaufen. Im Schuhgeschäft fand ich schnell ein passendes Paar. Da ich meiner Kleinen bei dieser Gelegenheit auch neue Schuhe spendieren wollte, durchstöberte ich die Regale und wurde prompt fündig. Zufrieden schlenderte ich zur Kasse und bezahlte meine Fundstücke.

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Zu Mittag kam dann die Ernüchterung. Stolz präsentierte ich meiner Maus die Einkäufe. Nachdem sie die Schuhe begutachtet hatte, blickte sie zu mir hoch und meinte: „Aber Mama, die muss man doch zubinden!“ Auf meine Frage, wo denn das Problem sei, konterte sie: „Das habe ich doch noch nicht gelernt!“ Im ersten Moment war ich total perplex. Mir war überhaupt nicht klar, dass wir unserer kleinen Tochter nie das Schleifen-binden beigebracht hatten.
Mit ihrer älteren Schwester hatten wir im Kindergartenalter gelernt, wie man Schuhe richtig bindet. Dazu hatten wir ein Buch, welches an der Vorderseite Schnürsenkel zum Üben hatte. Da unsere beiden Mädels hauptsächlich sportliche Schuhe tragen, in die man unkompliziert reinschlüpfen kann, war es mir nicht aufgefallen, dass die Kleine diese Fähigkeit nicht beherrschte.
Also kniete ich mich schnell hin und zeigte ihr, wie sie die Schuhe richtig bindet. Nach drei Versuchen saßen die Schleifen dann auch perfekt. Glück gehabt – da habe ich Rabenmutter doch keinen nachhaltigen Schaden angerichtet 😉

5 Antworten auf „Die Rabenmutter und ihr zweites Kind

    1. Meine Mädels sehen eigentlich relativ wenig Fernsehen, weil wir am Nachmittag viel unterwegs sind. Und wenn wir zuhause sind, spielen sie lieber oder machen was für die Schule. Aber als die Große klein war, war der Fernseher tagsüber generell aus. Bei der Kleinen war das dann nicht mehr möglich, weil ihre Schwester schon im Kindergarten war und ihre Lieblingsserie hatte. Da wollte ich die Kleine auch nicht aus dem Wohnzimmer verbannen 😉

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  1. Hey, hallo Simone,

    eine tolle Geschichte hast Du uns erzählt;-D. Ich kenne das nur zu gut. Das Zweite läuft meist nebenher. Also, die Babyfotos meines zweiten Jungen sind immer noch nicht ganz eingeklebt 🙈🙈🙈. Ich finde es schön, dass Du offen und ehrlich darüber redest und das ganze mit Humor siehst. So bin ich auch. Ich behaupte mal deine zwei Mädels fühlen sich gleich geliebt so wie meine Jungs auch. Ab und zu gibt es bei mir Colin Zeit und manchmal Jamie Zeit. Dann steht jedes Kind mal im Mittelpunkt.
    Mach weiter so. Liebe Grüsse Emily

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    1. Hallo Emily, danke für dein liebes Feedback 🙂 Bei uns ist es auch so, manchmal bekommt die Kleine mehr Aufmerksamkeit, mal die Große. Sie haben ja auch unterschiedliche Bedürfnisse, denen man gerecht werden will. So kommen alle auf ihre Kosten 😉
      Alles Liebe

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