Am Abgrund – Warum Mut eine Frage der Perspektive ist!

Ich stehe auf einem Dach umringt von einer Gruppe Schüler. Manche davon haben, wie meine Große, gerade das erste Jahr Gymnasium hinter sich, andere haben heuer die Matura absolviert. Zwischendrin tummeln sich auch ein paar Geschwisterkinder. Meine beiden Mädels stehen ganz vorne, nur wenige Zentimeter von der Dachkante entfernt. Hinter ihnen geht es zehn Meter nach unten. Ein Mann geht auf die beiden zu und fordert sie auf: „Lehnt euch einfach zurück!“

Diese Woche feierte die Schule unserer Großen ihr Abschlussfest, schließlich trennen uns nur noch wenige Tage von den heiß ersehnten Ferien. Neben einer Talentshow findet man am Sportplatz verschiedene Stationen, an welchen die Kinder sich probieren dürfen. Zur allgemeinen Belustigung trägt auch ein Fussballspiel bei, das zwischen Lehrern und Maturaten ausgetragen wird. Das größte Highlight bildet aber die Bergrettung, die die Kinder vom Schulgebäude in den Innenhof abseilt.

Der Andrang ist selbstverständlich groß. Immerhin ist dies eine einmalige Gelegenheit. Kein Wunder also, dass es sich meine Kinder nicht nehmen lassen wollen und auch vom Dach klettern möchten. Ich bin zunächst skeptisch. Meine Kleine ist für ihre sieben Jahre zwar eher groß, aber sehr zierlich gebaut. Erst als mir ein Mitglied der Bergrettung versichert, dass sie Gurte auch in kleinen Größen haben, kann ich mich entspannen.

Mit meinem Handy bewaffnet, versuche ich das Geschehen aus einer kleinen Entfernung zu dokumentieren. Um nur nichts zu verpassen, hat sich mein Mann in der Zwischenzeit am Boden positioniert. Auch er möchte diesen etwas anderen Spaziergang festhalten. Wir Eltern sind also bestens vorbereitet und warten nur noch auf das Go.

Der Mann am Seil lässt sich Zeit. Er erklärt meinen Mäusen genau, was sie machen sollen. Die zwei hören sich die Anweisungen genau an und nicken zuversichtlich. Schließlich ist es so weit – der junge Mann lächelt ihnen zu und sagt: „Lehnt euch einfach zurück!“

Die Kleine verlagert ihr Gewicht nach hinten. Mir stockt kurz der Atem. Aber sie kippt nicht einfach, sondern gleitet langsam in eine waagrechte Stellung. Sie stemmt sich von der Wand ab und bewegt sich Richtung Boden. Der erste Schritt ist noch etwas zögerlich, aber dann geht es doch recht schnell. Ohne Anstalten legt sie die 10 Meter zurück und wird am Boden von einer Frau in Empfang genommen. Sie hilft meiner Tochter aus dem Gurt, bevor sich diese wieder in Richtung Dach aufmacht, um sich ein weiteres Mal abzuseilen.

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Derweil steht meine Große noch immer auf der Dachkante. Sie weiß genau, was sie tun muss. Ihre kleine Schwester hat es ihr gerade vor gemacht. Das hat eigentlich ganz leicht ausgesehen. Es kann also nicht so schwer sein. Sie muss sich nur ein wenig nach hinten lehnen. Aber so sehr sie es auch will, ihr Körper macht da einfach nicht mit. Der Bergretter ist unglaublich geduldig, aber schließlich schüttelt meine Große den Kopf und bricht den Versuch ab.

Eine Frau kommt auf sie zu und befreit sie aus ihrem Gurt. Sie nimmt mein Kind in den Arm und erzählt ihr, dass sie selbst mehrere Anläufe gebraucht hat, ehe sie sich zum ersten Mal abseilen konnte. Meine Süße darf es sich bei den Bergrettern gemütlich machen und zusehen, wie die anderen Schüler nacheinander die Wand hinunter steigen. Schließlich möchte sie es noch einmal wissen.

Voller Zuversicht stellt sie sich wieder an die Kante. Sie schließt die Augen und konzentriert sich. Sie lehnt sich etwas nach hinten. Jetzt muss es doch klappen. Aber irgendetwas in ihr blockiert wieder. Sie kann es einfach nicht. Schließlich bricht sie resigniert ab.

Das Team schlägt meiner Großen vor, dass sie es später wieder versuchen kann. Aber sie hat für heute genug.

Am Weg in den Innenhof will ich meinen Schatz etwas aufmunter, aber sie sieht mich nur an und meint: „Lass es einfach!“ Alles klar, das war also der falsche Zeitpunkt. In diesem Moment biegen ihre Freundinnen um die Ecke, nehmen sie an der Hand und ziehen sie Richtung Sportplatz. Ich lasse die Mädels ziehen und setzte mich zu meinen Mann und ein paar Freunden. Bei einem Glas Wein lassen wir den Abend ausklingen, bis wir irgenwann doch unsere Kinder schnappen und nach Hause fahren.

Etwas später liegen meine Mädels in ihren Betten. Als ich nach ihnen sehe, merke ich, dass meine Große noch munter ist. Also lege ich mich zu ihr und nehme sie ihn den Arm. Ich kann fühlen, dass jetzt der richtige Moment ist, um die heutigen Erlebnisse anzusprechen. Wir sehen uns an und ich sage ihr, dass ich unglaublich stolz auf sie bin. Damit hat sie gerade nicht gerechnet, also erkläre ich ihr, wie ich das meine.

Für mich ist meine Kleine richtig mutig. Sie stand am Dach, musste sich etwas überwinden, aber dann hat sie ihr Ding durchgezogen. Meine Große stand neben ihr und wollte es ihrer Schwester so gerne nachmachen. Aber etwas in ihr hielt sie davon ab. Meiner Meinung nach ist es aber genauso mutig auf seine innere Stimme zu hören, auch wenn alle anderen etwas anderes tun oder sagen. Ich hoffe inständig, dass sich mein Schatz dies beibehält. Man muss nicht alles können, aber man sollte immer darauf achten, was einem gut tut. Auch wenn das manchmal ganz viel Mut abverlangt …

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