Mobbing – die größten Irrtümer

Vor wenigen Tag las ich auf einem Nachrichtenportal einen Bericht über ein junges Mädchen, das von seinen Mitschülern gemobbt wurde bis es schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah und sich das Leben nahm. Wie viele andere Leser hat mich diese Nachricht sehr bewegt. Da mich das Thema „Mobbing“ sehr interessiert, begann ich die Kommentare unter diesem Post durchzulesen. Was ich dort zu lesen bekam, hat mich etwas verwundert. Neben persönlichen Kommentaren, in denen Betroffene ihre Erfahrungen schilderten, gab es auch viele Aussagen und Annahmen, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Da es zum Thema „Mobbing“ scheinbar noch die ein oder andere Wissenslücke gibt, habe ich mich dazu entschieden einen fachlichen Beitrag zu schreiben, um mit den größten Irrtümern aufzuräumen.

 

IMG_9253

 

  1. Die Täter sind Versager.
    Eine häufige Annahme besagt, dass Personen, die andere mobben aus Frust handeln. Sie sollen sich in Konflikten überfordert fühlen und auf ihre eigenen Unzulänglichkeiten mit Aggression reagieren.
    Tatsächlich weisen die meist Täter (gemeint sind Haupttäter) aber eine überdurchschnittlich hohe soziokognitive Kompetenz auf und sind anderen auf diesen Gebiet oft überlegen. Dadurch können sie den Zustand ihre sozialen Umgebung gut erfassen, und das Verhalten ihrer Mitmenschen vorhersagen. Sie erkennen wen sie als Opfer auswählen können und was sie tun oder sagen müssen, um ihre Mitmenschen zu den gewünschten Handlungen zu bewegen. Auf diese Weise können sie andere gezielt manipulieren und so ihre eigenen Interessen durchsetzen.Mobbing gelingt vor allem denjenigen, die den „situationsangemessenen“ Einsatz von aggressiver und prosozialer Umgangsformen beherrschen. Durch diese Anpassungsfähigkeit kommen sie mit ihrem Verhalten meist durch und werden nur selten mit Sanktionen belegt. Sie sind also erfolgreich im Erreichen ihrer Ziele, haben meist einen guten Ruf und einen dominanten sozialen Status unter Gleichaltrigen.
  2. Alles eine Frage der Erziehung.
    Viele sehen die Verantwortlichkeit für das aggressive Vorgehen bei den Eltern. Schließlich hätten diese ihren Kinder beibringen müssen, dass man seine Mitmenschen gut behandelt und das Quälen dieser absolut inakzeptabel ist.
    Auch wenn der Umgang innerhalb der Familie entscheidend für das Sozialverhalten eines Kindes ist, erfasst dieser Erklärungsversuch nicht die ganze Wahrheit. Die meisten Kinder haben eine gute Vorstellung von den unterschiedlichen Arten von Aggression. Sie setzen dieses Wissen in Form von Mobbing aber nur dann ein, wenn sie sich durch ihr aggressives Verhalten einen Gewinn versprechen. Ihr Verhalten hat also eine Funktion. Aus diesem Grund ist es entscheidend wie das Umfeld auf die Täter reagiert. Nur wenn der Täter sich einen positiven Ausgang für sein Handeln erwartet, wird er sich ein Opfer auswählen. Damit kommt auch der Schule mit seinem Lehrkörper eine entscheidende Rolle zu. Diese formen soziale Normen, die erst den Nährboden für Mobbing schaffen. Wichtig wäre, dass die Normen und Werte einer Schule nicht nur leere Floskeln sind, sondern im Verhalten der Schüler, Eltern, Lehrer und der Schulleitung sichtbar sind. Darüber hinaus müsste das Verhalten der Lehrer konsistent sein, also alle Lehrer auf eine Situation möglichst auf die gleich Weise reagieren. In der Realität sieht es aber leider anders aus. Nur 5 % der Lehrer helfen Mobbingopfer. Mitschüler helfen dagegen mit 10 % doppelt so oft. Durch das Wegsehen werden die Täter belohnt und ihr Verhalten verstärkt.
  3. Täter sind Monster, Opfer sind Schwächlinge.
    Stellt man sich eine Situation vor, in welcher ein Kind von einer Gruppe gemobbt wird, so hat man meist ein klares Bild vor Augen. Auf der einen Seite sind die gemeinen, vielleicht auch grausamen Peiniger, auf der anderen Seite das wehrlose, schwache Opfer.
    Diese Stereotype halten sich in der Realität so aber nicht. Würde man ein Kind, das in der Pause einen Mitschüler drangsaliert, befragen, so würde dieses sich selbst weder als gemein, noch grausam sehen. Denn wir alle halten uns für „die Guten“. Auch wenn unsere Taten etwas anderes sagen, so tun wir dies aus einem Grund, wodurch unser Handeln unserer Meinung nach legitimiert wird. Das Selbe passiert, wenn ein Kind gemobbt wird. Der Haupttäter beeinflusst sein Umfeld, wodurch die sozialen Normen verändert werden. Dadurch glauben die Mittäter plötzlich, dass es richtig ist diese Person so zu behandeln beziehungsweise dass sie es verdient hat.Wird ein Kind gemobbt, ist es in dieser Situation natürlich schwächer als seine Angreifer. Aufgrund dieser Annahme zielen viele präventive Ansätze darauf ab Kinder zu stärken und ihnen zu zeigen, wie man sich wehrt. Allerdings müssen die Opfer nicht von Grund auf schwächer als die Täter sein. So können Mobbingopfer ursprünglich auch sehr beliebt gewesen sein und besonders attraktive Merkmale aufweisen. Durch Eifersucht oder die Bedrohung des Status des Täters können sie als Opfer ausgewählt worden sein. Deshalb kann auch jeder zum Mobbingopfer werden.
  4. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.
    Zu oft hat man diese Worte schon gehört, wenn ein Kind weint und eigentlich Unterstützung sucht. Auch ehemalige Opfer sagen manchmal, dass sie die Angriffe ihrer Klassenkameraden stärker gemacht haben.
    Tatsächlich geht vom Mobbing aber eine enormes Entwicklungsrisiko für das Kind aus. 30 % der Menschen, die an einer Depression leiden, wurden in ihrer Kindheit oder Jugend gemobbt. Auch das Risiko später eine Angststörung zu entwickeln ist um ein vielfaches erhöht. Neben diesen Erkrankungen gibt es aber noch viele weitere Langzeitfolgen.
    Mobbing bewirkt zum Beispiel auch eine Veränderung im Gehirn. Seelische Schmerze aktivieren die selben Areale wie körperliche Schmerzen im Gehirn, welches durch jede Erfahrung lernt es. Dies ist insbesondere für Jugendliche eine Gefahr, da ihr Gehirn in dieser Zeit Umbauprozesse durchläuft. In der Folge kann es dauerhaft zu einer geringeren Aktivierung der Belohnungssysteme kommen und die Fähigkeit zur Introspektion kann eingeschränkt werden.Darüber hinaus besteht ein höheres Risiko alkohol- oder drogenabhängig zu werden und in die Kriminalität abzurutschen. Autoaggression und Suizidgedanken können auch Folgen von Mobbing sein. So geht man davon aus, dass 20 % der Suizide im Zusammenhang mit Mobbing stehen (Österreich). Insgesamt haben Personen, die gemobbt wurden, ein sechs mal so großes Risiko eine ernsthafte Krankheit oder psychische Erkrankung zu entwickeln.
  5. Ich kann nichts dagegen tun.
    Ein Kind bemerkt, dass ein Mitschüler von anderen Schülern in die Mangel genommen wird und spürt, dass es helfen sollte. Die Konfrontation mit der Gruppe kommt nicht in Frage, also entscheidet es sich in der Pause mit einem Lehrer zu sprechen. Dieser verspricht sich darum zu kümmern. Trotzdem nehmen die Angriffe nicht ab. Das Kind fühlt sich unwohl, weiß aber nicht, was es noch tun soll. Schließlich nimmt er das Verhalten seiner Umgebung als gegeben hin und versucht die Übergriffe zu ignorieren.
    Auch wenn erste Hilfsversuche nicht immer Wirkung zeigen, gibt es viele Möglichkeiten etwas zu unternehmen. Wenn ein Zurechtweisen der Beteiligten nicht möglich scheint, kann man mit Lehrern, dem Vertrauenslehrer oder der Schulleitung das Gespräch suchen. Auch der Landesschulrat kann notfalls kontaktiert werden. Schulpsychologen sind auch geeignete Ansprechpartner, denn sie sind mit dieser Thematik gut vertraut und können gegebenenfalls an spezielle Stellen und Vereine vermitteln. Es werden auch immer wieder Vorträge zu diesem Thema angeboten, die nicht nur interessant sind, sondern auch die Möglich bieten sich mit anderen zu vernetzen.
    Aus schulischer Sicht gibt es zwei Ansätze – die Prävention und die Intervention. Ersteres versucht ein ausgeglichenes Klima in der Klasse zu erzeugen oder die Kinder gegenüber Mobbing zu sensibilisieren, um somit die Hilfsbereitschaft zu erhöhen. Letzteres wird genutzt, wenn es bereits zu Übergriffen gekommen ist. Hierbei ist zu beachten, wer die Zielgruppe der Intervention ist (Täter, Opfer oder Außenstehende). Es können natürlich auch mehrere Zielgruppen behandelt werden, allerdings nimmt das Verfahren dadurch stark an Komplexität zu, da es zu Wechselwirkungen in den Anwendungen kommt. Da die sozialen Normen aber ausschlaggebend für die Angriffe sind, ist in den meisten Fällen nur ein „Whole School Approach“ wirklich nachhaltig wirksam, in welchem – wie in Punkt 2 beschrieben – die gesamte Schule an einem Strang zieht.

Natürlich ist keine Mobbingerfahrung gleich, weshalb nicht jeder dieser Punkte auf alle Situationen zutreffen muss. Da Mobbing aber seit mehreren Jahrzehnten intensiv erforscht wird, sind diese Erkenntnisse doch gut gesichert. Deshalb kann man durchaus sagen, dass diese Punkte auf den Großteil solcher Übergriffe zutreffen.

Wie ihr seht ist Mobbing doch ein komplexeres Thema als es auf den ersten Blick scheint. Ich hoffe, ich konnte die einzelnen Punkte trotzdem verständlich erklären. Wenn etwas noch unklar ist oder Fragen zu diesem Thema offen sind, schreibt mir ein Kommentar. 

 

Literatur
⦁ Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Tnglewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.
⦁ Craig, W. & Pepler, D. (1995). Peer processes in bullying and victimization. An observational study. Exceptionality Education Canada, 5, 81-95.
⦁ Craig, W. & Pepler, D. (1997). Ovservation of bullying and victimization in the schoolyard. Canadian Journal of School Psychology, 13, 41-59.
⦁ Garandeau, C. F. & Cillessen, A. H. N. (2006). From indirect aggression to invisible agression: A conceptual view on bullying and peer group manipulation. Aggression and Violent Behavior, 11, 612-625.
⦁ Perry, D. G., Willard, J. C. & Perry, L. C. (1990). Peers´perceptions of the consequences that victimized children provide aggressors. Child Development, 61, 1310-1325.
⦁ Prinstein, M. J. & Cillessen, A. H. N. (2003). Forms and functions of adolescent peer aggression associated with high levels of peer status. Merrill-Palmer Quarterly, 49, 310-342.
⦁ Schäfer, M. (2012). Mobbing im Schulkontext. In: W. Schneider & U. Lindenberger (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Weinheim, Basel: Beltz Verlag.
⦁ Sutton, J., Smith, P. K. & Swettenham, J. (1999). Social cognition and bullying: Social inadequacy of skilled manipulation? British Journal of Developmental Psychology, 17, 435-450.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/was-mobbing-im-gehirn-macht-demuetigungen-schmerzen-wie.976.de.html?dram:article_id=366592
https://www.mario-glanznig.at/langzeitfolgen-mobbing/
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/mobbing-betroffene-leiden-noch-jahre-spaeter-an-psychischen-folgen-a-884981.html
https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article141926473/Viele-Mobbing-Opfer-sind-ein-Leben-lang-gezeichnet.html

10 Antworten auf „Mobbing – die größten Irrtümer

  1. Ich denke ich wurde auch schon gemobbt und es war tatsächlich so, dass die Täter ein gutes Gespür dafür hatten, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ausserdem verstanden diese es oft, die Masse hinter sich zu scharen, denn es wollte am Schluss niemand als Opfer da stehen. Jemanden zu denuzieren wird sozusagen legitimiert und wie Du richtig geschrieben hast, macht es das Opfer, hat es ganze erst einmal überstanden, keineswegs stärker, denn es hat ständig Angst wieder in diesen Strudel zu geraten.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen persönlichen Kommentar! Ich glaube, dass das soziokognitive Geschick der Täter ein sehr zentraler Punkt ist, der erklärt warum Mobbingopfern so selten bzw. so spät geholfen wird. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrer, Eltern, … verstehen was hier wirklich passiert. Ich denke, dass durch bessere Aufklärung auch die Hilfsbereitschaft steigen würde, weil man einfach schneller solche Situationen erkennt und deren Relevanz besser abschätzen lernt.

      Gefällt mir

  2. Wow, toller Beitrag! Vielen Dank für diese Zusammenfassung, sie war überaus informativ und gut erklärt 👍. Gerade auch, weil ich viele Personen kenne, die in der Schule einmal gemobbt wurden, fand ich es sehr interessant, die zum Teil mir neuen Fakten zu lesen.

    Gefällt 1 Person

  3. Mobbing ist eine üble Sache, das sich leicht und sehr schnell in etwas verfangen kann, was nicht sein sollte.
    Ob Kind oder Erwachsener – es ist leicht zum Opfer zu werden, aber schwer wieder daraus hervorzukommen und diese Narben heilen nur sehr langsam.

    Hast du aber gut zusammengefasst.

    Gefällt 1 Person

    1. Da hast du vollkommen Recht! Gerade weil diese Erfahrung oft so tiefe Narben hinterlässt, ist es wichtig, dass mehr Aufklärung zu diesem Thema angeboten wird. Ich denke, dass dann früher Situationen erkannt werden könnten und damit schneller und effizienter gehandelt werden kann.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  4. Oh, das ist aber ein Thema. Und du hast es so gut aufbereitet. Tatsächlich bin auch ich manchen Vorurteilen unterlegen und staune grade. Gut, dass du gegenarbeitest und damit mal aufräumst. Ich bin auf jeden Fall jetzt ein wenig schlauer. Danke dir!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s